Bewegende Lesung zum Holocaust-Gedenktag

Mai 1943, NS-Vernichtungslager Majdanek in Polen: Jerzy Pfeffer muss miterleben, wie die SS erst seinen Vater, dann seine Frau und seinen Sohn in den Gaskammern umbringen; er ist am Ende, zunächst denkt er an Selbstmord, dann aber plant er Flucht und Rache. Wie Jerzy Pfeffer, jüdischer Geschäftsmann aus Warschau, den Holocaust, die nationalsozialistische Judenvernichtung, erlebte und überlebte, konnten jetzt Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen hautnah miterleben. Anlässlich des internationales Holocaust-Gedenktages erwartete sie in der Aula eine Lesung aus den Lebenserinnerungen Pfeffers. „Mit eiserner Feder“, so der Titel, beschreibt der Autor ein bewegendes Schicksal.

Gebannt und in atemloser Stille lauschte das junge Publikum den Worten Pfeffers, dem Bernd Helbach vom Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis seine Stimme lieh. Zuvor hatte der Vereinsvorsitzende Dr. Martin Arnold, auf dessen Initiative die Veranstaltung zurückging, eine kurze Einführung in die Thematik gegeben. Aus dem Munde Pfeffers selbst konnten die Schülerinnen und Schüler dann in drastischer Unmittelbarkeit sein leidvolles Schicksal nacherleben.

Nach der Besetzung Warschaus durch deutsche Truppen musste die Familie von Jerzy Pfeffer zwangsweise in das enge Ghetto für die jüdische Bevölkerung umsiedeln. Enge, Hunger, Krankheiten und ständige Transporte in die Vernichtungslager ließen die Bevölkerung im Ghetto bis 1943 von einer halben Million auf wenige Tausend Menschen schrumpfen. Ein bewaffneter Aufstand gegen die Nazis, an dem Pfeffer teilnahm, endete mit der blutigen Niederschlagung durch die übermächtige SS und der totalen Zerstörung des Ghettos, die letzten Bewohner wurden getötet oder – wie die Familie Pfeffer – in die Vernichtungslager deportiert. Nach seinem Racheschwur für die Ermordung seiner Angehörigen gelang Jerzy Pfeffer unter spektakulärem Umstanden die bis dahin für unmöglich gehaltene Flucht aus Majdanek. Er versteckte sich in Warschau, führte ein Leben im Untergrund, beteiligte sich 1944 am Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee, der mit der völligen Zerstörung der Stadt durch deutsche Truppen endete. Nach Kriegsende floh Pfeffer vor der zunehmenden Unfreiheit im sowjetisch besetzten Polen zunächst nach Westdeutschland, verbrachte einige Monate in Eschwege im Displaced-Persons-Camp, bis ihm 1947 die Ausreise in die USA gestattet wurde, wo ihm ein erfolgreicher beruflicher und familiärer Neuanfang gelang und er 1999 hochbetagt starb.

Im unterrichtlichen Nachgespräch zeigten sich die Schülerinnen und Schüler von dem Vortrag sichtlich beeindruckt und emotional stark bewegt. „Sehr spannend und bewegend“, fand Leonie Schenker aus der 10c die Lesung, besonders beeindruckt hat sie der unbändige Überlebenswille Pfeffers. Für ihren Klassenkameraden Ole Risch hat es sich fast so angefühlt, als sei man „selbst dabei gewesen“ und auch Noah Trube bestätigt einen „besseren Einblick“ in die Ereignisse durch den Augenzeugen und konstatiert, wie gering und zufallsabhängig die Chance auf ein Überleben im Holocaust war. Bei Mitschüler Malte Degenhardt hat die Beschreibung vom Leben und Leiden der Menschen in den Vernichtungslagern den größten Eindruck hinterlassen.

Die Friedrich-Wilhelm-Schule als Schule ohne Rassismus und der Verein „Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis“ wollen ihre Zusammenarbeit vertiefen und arbeiten an einer dauerhaften Kooperation.