Es dürfte nicht viele Lehrer geben, denen ein gesamter Jahrgang zum Abschied ein Ständchen singt. Am Tag vor seiner Verabschiedung hatte sich der komplette zehnte Jahrgang der Friedrich-Wilhelm-Schule versammelt, um Jörg Heinz das Dietemannslied vorzutragen, auf Latein. Ein Gruß, der drei Facetten trifft, die ihn auszeichnen: den Lateinlehrer, der zu den wenigen Menschen gehört, die problemlos vom Deutschen ins Lateinische übersetzen können, den Historiker mit profundem Wissen zu nahezu fast allen Themen der Welt- und Heimatgeschichte und den Eschweger, der sich der Stadt und der FWS in besonderer Weise verbunden fühlt.
Mit dem Abschied schloss sich auch ein Kreis. Geboren als Kasselaner (was, wie beiläufig angemerkt wurde, kaum jemand wusste) war Jörg Heinz selbst von 1970 bis 1975 Schüler der Friedrich-Wilhelm-Schule, 1979 legte er am Oberstufengymnasium sein Abitur ab, schon damals mit Latein als Prüfungsfach. In Göttingen studierte er zunächst Latein und Mathematik, wechselte dann aber zur Geschichte. Ein Promotionsstipendium hatte er in der Tasche, entschied sich aber für den Lehrerberuf. In historisch bedeutenden Zeiten absolvierte er das Referendariat im Studienseminar Fulda an der Modell- und der Gesamtschule Obersberg und legte kurz nach der Deutschen Einheit im Oktober 1990 sein Zweites Staatsexamen ab. Es war die Zeit der sogenannten Lehrerschwemme und so ging Jörg Heinz zunächst zur Zeitung. Bei der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen machte er ein Volontariat, ließ sich zum Redakteur ausbilden und arbeitete bis 1994 in den Bereichen Kassel, Mühlhausen und Melsungen.
1994 kam dann doch die Rückkehr in die Schule, zunächst in Thüringen: das Lerchenberg-Gymnasium in Altenburg mit Abordnungen unter anderem nach Meuselwitz, von 1997 bis 2000 das Staatliche Gymnasium Bad Liebenstein, danach die Gesamtschule Geistal. Im Frühjahr 2001 kehrte er schließlich auf eigenen Wunsch an die Friedrich-Wilhelm-Schule zurück. Dass er am Ende nach diesen verschiedenen Stationen doch Lehrer an der FWS geworden sei, sagte Schulleiterin Andrea Herzog, dürfe man aus heutiger Sicht wohl als Glücksfall bezeichnen.
Fragt man ihn, was ihm in seinem Lehrerleben am meisten ans Herz gewachsen ist, fällt die Antwort nämlich klar aus: seine alte Schule. Er sei stolz und dankbar, „FWSler“ zu sein. Auch seine Tochter und sein Sohn haben die Friedrich-Wilhelm-Schule besucht. Das Kollegium sei zudem immer kooperativ, engagiert und bereichernd gewesen. Er habe sich daher gerne im Personalrat für ihre Belange eingesetzt.
Im Kollegium kursieren für ihn verschiedene Titel: „Universalgelehrter“, „der klügste Kopf der Schule“, und in keiner Abschlusszeitung fehlt er als erste Wahl für den Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“. Er liest außergewöhnlich viel, löst anspruchsvolle Kreuzworträtsel in Rekordzeit, formuliert aus dem Stegreif druckreif und bringt auch komplizierte Zusammenhänge in klare Sätze. Eine wahre Lateinkoryphäe, sagte Kollegin Frau Hellmuth aus der Fachschaft Geschichte. Legendär sind seine Tafelbilder, deren inhaltliche Tiefe viele Schülerinnen und Schüler oft erst mit den Jahren richtig zu schätzen wissen.
Jörg Heinz hat nicht nur Inhalte unterrichtet, sondern Interesse geweckt, Horizonte erweitert und Begeisterung für Geschichte und Kultur vermittelt. Immer mit einem gymnasialen Anspruch, als ein Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Gegenwart und auch Bewusstsein für die Wichtigkeit eines interkulturellen Austauschs. Mehr als ein Dutzend Austausche nach Italien hat er betreut, dreimal nach Perugia, mehr als zehnmal nach Carpi in der Emilia-Romagna, wo er echte Pionierarbeit leistete. Dort studierte er mit seinen Schülerinnen und Schülern sogar ein lateinisches Theaterstück ein, das aufgeführt und von der Region prämiert wurde. Ein zweites Herzensanliegen war ihm das Amt des Beauftragten für „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, das er bis zuletzt mit Projekten, Kinovorstellungen und schulübergreifenden Geschichtsformaten mit Leben füllte. Dazu prägte er in den vergangenen Jahren die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Schule, dank seiner journalistischen Ausbildung geradezu als Idealbesetzung.

Auf sein Berufsleben blicke er mit Wehmut, Stolz und Dankbarkeit zurück, sagte Jörg Heinz. Zum Abschied brachte er selbst ein Bild mit: das Wappen der Stadt Paris, ein silbernes Schiff auf bewegter See, darunter der Wahlspruch Fluctuat nec mergitur – sie schwankt, aber sie geht nicht unter. So sei die Friedrich-Wilhelm-Schule, sagte er: durch manchen Sturm gegangen, ob während der Corona-Pandemie oder den Zeiten mit der verkürzten G8-Schullaufbahn. Dabei sei sie doch immer weitergesegelt und gestärkt daraus hervorgegangen, vereine Tradition und Moderne wie keine andere Schule in der Region.
Schulleiterin Andrea Herzog fand dazu ein zweites, passendes lateinisches Wort des Dichters Ovid: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. Nun ändern sie sich auch für Jörg Heinz. Die Friedrich-Wilhelm-Schule verliert einen klugen Kopf, der fehlen wird, und sagt Danke.