Gemeinsames Geschichtsprojekt von FWS und OG

Sie sind genau 104 Jahre alt, weit über drei Meter groß, thronen an erhöhter Stelle über allen Menschen und sind zu zweit: Die Rede ist von den Gedenktafeln in der Aula der Friedrich-Wilhelm-Schule. Sie sind aus massivem Holz und tragen 163 Namen. Unter der Überschrift „Im Ringen um die deutsche Ehre …“ erinnern sie an die ehemaligen Schüler des Eschweger Gymnasiums, die in den unzähligen Schlachten des Ersten Weltkrieges getötet worden sind, nach Todesjahr geordnet und in alphabetischer Reihenfolge.

Diese Tafeln, die seit über einem Jahrhundert ein von Schüler- und Lehrerseite weitgehend unbeachtetes Dasein führen, standen jetzt im Fokus eines gemeinsamen Unterrichtsprojektes von FWS und Oberstufengymnasium mit Schülerinnen und Schülern des Leistungskurses Geschichte in der Qualifikationsphase Q1 sowie aus der Klasse 10a der FWS. Begleitet und angeleitet wurden sie dabei von ihren Geschichtslehrern Nils Rudolph, Michael Schmidt und Jörg Heinz. In vier schulübergreifenden Gruppen gelang ihnen mit den Methoden der historischen Wissenschaft eine zeitgemäße Einordnung und Interpretation der Tafeln und ihrer Geschichte.

Die notwendigen Quellen und Dokumente zu der historischen Spurensuche stammen aus dem Stadtarchiv der Kreisstadt. Die Leiterin Dr. Annika Spilker vermittelte den Schülerinnen und Schülern im Rahmen einer kleinen Führung die Aufgabe und Arbeit des Archives. Für die historische Recherche im Archiv und an den Schulen hatte sie für die jungen Forschenden biografische Informationen zu einigen Namen, die Jubiläumsschriften zum 100. und 150. Jahrestag der FWS aus den Jahren 1940 bzw. 1990, die Gedenkrede des Geheimen Studienrates und damaligen Schulleiters Edward Stendell von 1919, den Zeitungsartikel aus dem Eschweger Tageblatt zur feierlichen Enthüllung der Gedenktafeln vom 10. Mai 1921 zur Verfügung gestellt.

Eine Schülergruppe trug das verfügbare Wissen zu kleinen Biografien einiger der auf den Tafeln benannten Opfern zusammen. Unter ihnen finden sich in Eschwege prominente Namen wie Bierwirth, Stolzenberg und Tellgmann. Am Beispiel von Ludwig Katzenstein aus Eschwege arbeiteten sie auch Engagement und Einsatzbereitschaft der jüdischen Gemeinde im Weltkrieg heraus. Ihre statistischen Untersuchungen offenbarten beispielsweise ein durchschnittliches Todesalter von 24 Jahren. Besonders aufgefallen war ihnen der Name Arthur von Eschwege, weil zwei Angehörige dieser Familie aktuell die FWS besuchen. Deren Vater Stephan von Eschwege erklärte sich zu einem Interview bereit, in dem er sehr informativer und aufschlussreicher Weise zur Geschichte der Familie und ihrer Erinnerung an Arthur von Eschwege Rede und Antwort stand. Mit den Arbeitsergebnissen erhielten die Namen auf der Gedenktafel eine Persönlichkeit und traten aus ihrer Anonymität.

Eine zweite Gruppe setzte sich auf der Basis der alten Dokumente mit der Gestaltung, Einweihung und der beabsichtigten Wirkung des Denkmals auseinander. Das nächste Team zeigte die Entwicklung im Umgang mit der Erinnerung an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg im Verlauf der Schulgeschichte auf. Die Schülerinnen und Schüler durchforschten die Festschriften, nahmen das 1965 vom damaligen Kunstlehrer Wolfgang Schaumberg zum gleichen Thema erstellte Kupferrelief in den Blick und befragten jüngere FWS-Schülerinnen und Schüler zu ihrer Wahrnehmung der Tafeln. Auf der Basis aktueller Forschungskontroversen zu Entstehung und Charakter des Ersten Weltkrieges sowie zur historischen Entwicklung von namentlichen Ehrungen hinterfragte eine vierte Gruppe kritisch die Behauptung der Gedenktafeln, die jungen Männer seien „im Ringen um die deutsche Ehre“ gefallen und erarbeitete eine historisch fundierte, zeitgemäße Einordnung, in der vor allem der Respekt vor dem Individuum gegenüber unreflektierter und unangemessener Heldenverehrung und Instrumentalisierung für nationale Machtinteressen in den Vordergrund trat.

Die Ergebnisse ihrer Projektarbeit haben die Beteiligten in Film und Ton dokumentiert und werden sie durch QR-Codes an den Tafeln und auf der Website der Schule demnächst präsentieren.